Motorrad-Krise? Die Wahrheit hinter den Verkaufszahlen

Die aktuelle Krise des Motorradmarktes ist komplex. Sie entsteht durch den statistischen Euro-5+-Effekt, Überalterung, horrende Kosten, fehlenden Nachwuchs und zunehmende Streckensperrungen. Das Hobby wandelt sich zum Luxus. Wir müssen uns fragen: Entwickelt sich die Motorradtour bald zur geschlossenen Gesellschaft?
Fährst du am Wochenende zum beliebten Bikertreff in deiner Region? Dann trügt der Schein vielleicht. Der Parkplatz ist voll, der Kaffee läuft literweise und die Biker verbrennen das Benzin, als gäbe es kein Morgen. Aber schau mal genau hin. Schau dir die Kennzeichen an. Schau dir die grauen Schläfen unter den Helmen an. Und dann wirf einen Blick in die Statistik der Händler. Da sieht es nämlich aktuell ganz anders aus, denn die Zahlen für 2025 liegen im Keller.
Man könnte meinen, Deutschland hat keine Lust mehr auf das Motorrad. Endet die Ära der Freiheit auf zwei Rädern? Tauschen wir das Motorrad gegen das E-Bike und die Motorradtour gegen den Pauschalurlaub? Ganz so einfach ist es nicht. Es ist eine Mischung aus bürokratischem Wahnsinn, dem Lauf der Zeit, dem schlichten Blick auf das Bankkonto und einer Gesellschaft, die uns zunehmend den Spaß verdirbt. Wir müssen reden. Über Euro-Normen, über fehlenden Nachwuchs, horrende Preise und Streckensperrungen.
Der Euro-5-Kater
Zuerst müssen wir einen Mythos aus dem Weg räumen. Wenn du hörst, dass der Markt 2025 eingebrochen ist, dann stimmt das zwar, aber es liegt nicht daran, dass plötzlich alle ihre Liebe zum Motorrad verlieren. Der Grund ist ein bürokratisches Monster namens „Euro 5+“, mit dem der Gesetzgeber zum 1. Januar 2025 die Zulassungsregeln verschärft hat. Neue Maschinen müssen noch sauberer sein, vor allem müssen sie ihre Abgasreinigung und den Katalysator über die gesamte Lebensdauer überwachen. Das bedeutet neue Technik, neue Sensoren, neue Software.
Was machten die Hersteller und Händler also Ende 2024? Sie bekamen Panik. Jede Maschine, die die Werke noch nach der „alten“ Euro-5-Norm bauten, mussten die Händler vor dem Stichtag zulassen, sonst wurde sie am 1. Januar 2025 nur noch teurer Edelschrott, der nicht mehr auf die Straße darf. Das Ergebnis war eine gigantische Welle an Tageszulassungen im Dezember 2024. Die Statistik für 2024 schoss durch dieses „Doping“ massiv nach oben und brachte somit ein Rekordjahr, das eigentlich gar keines war.

Jetzt, im Jahr 2025, zahlen wir die Zeche für diese Party. Die Lager der Händler stehen voll bis unters Dach. Aber nicht mit „neuen“ Neuen, sondern mit eben diesen Tageszulassungen. Sie gelten statistisch als gebraucht, auch wenn sie null Kilometer auf dem Tacho haben. Wer jetzt ein Motorrad kauft, greift oft zu diesen Beständen. Das drückt die Neuzulassungsstatistik 2025 entsprechend ins Minus, denn ein Überangebot sättigt den Markt. Es ist wie nach einem riesigen Festessen an Weihnachten, der Kühlschrank ist noch voll mit Resten, niemand geht am nächsten Tag einkaufen.
Für dich als Käufer ist das übrigens gar nicht so übel, denn die Händler müssen diese Bestände loswerden, da sie Kapital binden. Wenn du also eine neue Maschine für deine nächste Motorradreise suchst und dir egal ist, ob im Fahrzeugbrief schon ein anderer Halter steht, ist jetzt deine Zeit. Es locken durchaus attraktive Rabatte. Technisch sind die Unterschiede zur Euro 5+ oft marginal. Meistens geht es nur um Diagnose-Software im Hintergrund, die du beim Fahren nicht merkst. Der Sound bleibt meistens gleich. Der statistische Sondereffekt geht vorbei, aber was danach kommt, ist das eigentliche Problem.
Das demografische Problem
Kommen wir zum Elefanten im Raum, oder besser gesagt: „Zum Silberrücken auf der GS“. Schau dich beim nächsten Stopp deiner Motorradtour mal um. Wer steigt da ab? Es sind selten die 20-Jährigen. Der durchschnittliche Motorradfahrer in Deutschland kratzt mittlerweile stramm an der 50er- oder gar 60er-Marke. Wir haben schlichtweg ein Überalterungsproblem. Die Generation der Babyboomer macht das Motorrad in den 70ern und 80ern zum Massenphänomen, für sie ist es der Inbegriff von Freiheit, Rebellion und Rock ’n‘ Roll. Diese Generation wird älter und sie hört langsam auf zu fahren oder fährt weniger. Die Fahrer tauschen die schwere Reiseenduro gegen etwas Leichteres oder hängen das Hobby ganz an den Nagel, weil der Rücken zwickt oder die Reflexe nachlassen. Das Problem ist nicht, dass die Alten gehen. Das Problem ist, dass kaum Junge nachkommen, um diese riesige Lücke zu füllen.

Zudem tickt die Generation Z anders. Für sie ist ein eigenes Fahrzeug kein Statussymbol mehr. Freiheit bedeutet heute Vernetzung, digitales Nomaden-Dasein, vielleicht Weltreisen mit dem Rucksack, aber nicht unbedingt der eigene Verbrenner in der Garage, der Geld und Platz frisst. Das verändert auch die Art zu reisen. Früher ist die Motorradreise oft ein Abenteuer mit Zelt, Dosenessen und wenig Komfort. Heute muss es für die alternde Zielgruppe oft das komfortable Hotel mit Wellnessbereich sein. Die Maschinen passen sich an. Sitzheizung, Tempomat, elektronische Fahrwerke, Radar-Systeme – das alles ist fantastisch, aber es zielt genau auf diese kaufkräftige, ältere Klientel. Die Hersteller wissen das und so bauen sie Bikes für Best Ager, nicht für Einsteiger.
Gleichzeitig fehlt dem Nachwuchs oft der emotionale Bezug. In den Städten ist der ÖPNV gut, das E-Bike ist hip und praktisch. Ein schweres, heißes, lautes Motorrad wirkt da fast aus der Zeit gefallen. Es wandelt sich zum reinen Spaßgerät fürs Wochenende und die Alltagstauglichkeit spielt kaum noch eine Rolle. Wer nicht damit aufwächst, fängt selten mit 30 plötzlich damit an. Die Branche versäumte es jahrelang, neue Begeisterung zu wecken, denn sie ruhte sich auf den fetten Jahren der Boomer aus. Jetzt, wo diese Kundschaft langsam in Rente geht, entsteht eine Lücke, die keine Statistik der Welt schönrechnen kann. Wir werden weniger, das ist Fakt, und das verändert die Szene nachhaltig.
Freiheit als Luxusgut
Und selbst wenn ein junger Mensch heute Bock auf Motorrad hat, bekommt er direkt den nächsten Dämpfer: Die Kosten. Motorradfahren ist ursprünglich das Hobby des kleinen Mannes. Günstige Anschaffung, erschwinglicher Unterhalt und einfache Technik. Und heute? Heute ist es ein Luxusgut. Der Eintritt in diese Welt ist eine finanzielle Hürde, an der leider viele scheitern, bevor sie überhaupt den ersten Meter fahren.
Fangen wir beim Führerschein an. Für den großen Klasse-A-Schein legst du heute locker 2.500 bis 3.500 Euro auf den Tisch der Fahrschule, in Ballungsgebieten wahrscheinlich sogar mehr. Das ist ein ganzer Haufen Geld. Als Azubi oder Student musst du dafür verdammt lange stricken und wenn das Budget knapp ist, gewinnt logischerweise fast immer der Autoführerschein. Der ist notwendig für den Job oder den Alltag und ein Motorrad ist eben „nur“ Hobby. Dazu kommt dann auch noch die notwendige Ausrüstung. Helm, Kombi, Stiefel, Handschuhe – Sicherheit kostet. Wer hier spart, der spart direkt an der eigenen Haut. Ein halbwegs vernünftiges Starter-Set kostet schnell nochmal 1.000 Euro und dann hast du noch kein Bike.

Es gibt – oder gab – einen kleinen Lichtblick: Die 125er-Klasse. Dank der B196-Regelung boomt dieses Segment seit ein paar Jahren. Autofahrer machen ein paar Fahrstunden, sparen sich die Prüfung und dürfen 125er fahren. Klingt gut? Freu dich nicht zu früh, denn selbst dieser kleine Hoffnungsschimmer wackelt gewaltig. Die Deutsche Verkehrswacht läuft aktuell Sturm gegen diese Regelung. Sie fordert deren schnelle Abschaffung. Das Argument ist die Sicherheit, frei nach dem Motto: Wer keine echte Prüfung ablegt, ist ein Risiko für sich und andere. Die Experten verweisen in diesem Zuge auf die gestiegenen Unfallzahlen in diesem Segment. Knickt die Politik hier ein und kassiert den B196 wieder, sägen wir gerade den einzigen Ast ab, auf dem noch echtes Wachstum stattfindet.
Aber machen wir uns nichts vor: Selbst mit B196 wandelt sich nicht jeder Pendler zum Biker. Wer eine 125er für den Weg zur Arbeit nutzt, entwickelt sich nicht automatisch zum leidenschaftlichen Tourenfahrer, der im Sommer die Alpenüberquerung plant. Der Aufstieg in die großen Klassen bleibt oft aus.
Das Motorrad entwickelt sich zunehmend elitär. Es entwickelt sich zu einem „Golf-Club auf Rädern“. Man sieht es an den Marken, die noch wachsen: Premium läuft. Der Markt für günstige, einfache Motorräder trocknet dagegen aus. Das ist gefährlich, denn ohne breite Basis stirbt irgendwann auch die Spitze weg.
Schilderwald und Sperrzonen
Es gibt noch einen weiteren, bitteren Grund, warum viele ihre Helme an den Nagel hängen oder gar nicht erst kaufen: Wir fühlen uns zunehmend unerwünscht. Planst du gerade deine nächste Motorradreise? Dann hast du sicher schon die Karten gewälzt oder das Navi programmiert. Und immer öfter poppt da eine Warnung auf: „Streckensperrung für Motorräder“. Was früher die absolute Ausnahme war, entwickelt sich in Deutschland und den angrenzenden Ländern langsam zur traurigen Regel. Besonders an Wochenenden und Feiertagen sind die schönsten Kurvenparadiese für uns tabu. Wir müssen Umwege fahren, während Wohnmobile und Sportwagen fröhlich weiter über den Pass schaukeln dürfen. Das frustriert gewaltig.
Noch perfider sind die Motorrad-spezifischen Geschwindigkeitsbeschränkungen. Ein roter Kreis, Tempo 50 oder 70, und darunter das Zusatzschild mit dem Motorrad. Der Porsche hinter dir darf also legal 100 fahren, du musst mit 70 dahinschleichen. Das ist nicht nur eine Spaßbremse, das ist gefährlich. Andere Verkehrsteilnehmer bedrängen dich permanent, überholen dich riskant und du fühlst dich als Verkehrshindernis, obwohl du eigentlich das agilste Fahrzeug auf der Straße hast. Diese Ungleichbehandlung zehrt an den Nerven, da niemand wirklich Lust hat, dass ihn andere am Wochenende als Freiwild über die Landstraße jagen.
Der Grund für diese Maßnahmen ist, neben hoher Unfallzahlen, fast immer derselbe: Lärm. Und ja, wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Es gibt diese schwarzen Schafe, die den DB-Killer rausnehmen und den ersten Gang bis zum Begrenzer ziehen. Aber die Politik reagiert darauf mit Kollektivstrafen. Statt die wenigen Krawallmacher rauszuziehen, sperrt die Behörde die ganze Strecke. Sippenhaft für Biker, die massiv auf die Kauflaune drückt.
Wozu sollst du dir ein hochmodernes, teures Motorrad kaufen, wenn du es nirgendwo mehr artgerecht bewegen darfst? Die Attraktivität einer ausgedehnten Motorradtour sinkt, wenn man ständig Angst haben muss, versehentlich in eine Verbotszone zu geraten oder in eine Lärmschutzkontrolle zu kommen, selbst wenn der Auspuff original ist. Dieses Gefühl, dass die Gesellschaft uns immer mehr in die Ecke drängt, ist Gift für den Markt. Freiheit fühlt sich anders an. Und wenn der Spaßfaktor sinkt, bleibt das Portemonnaie eben zu.
Es wird eng, aber wir geben nicht auf
Ist das Motorradfahren also tot? Nein, aber wir müssen ehrlich sein: Die Einschläge kommen näher. Der statistische Einbruch 2025 durch Euro 5+ erholt sich. Aber gegen die Überalterung, die Kostenexplosion und vor allem gegen die zunehmenden Verbote hilft keine Statistik. Wir entwickeln uns von einem Massenphänomen zu einer exklusiven Nische, die permanent um ihre Akzeptanz kämpfen muss.
Und was heißt das jetzt für Dich? Jetzt erst recht. Genieß jede Motorradtour, solange die Pässe noch offen sind. Fahre rücksichtsvoll, um den Gegnern nicht noch mehr Munition für Sperrungen zu liefern. Und wenn du einen jungen Menschen siehst, der Interesse am Zweirad zeigt: Nimm ihn mit, zeig ihm die Faszination. Wir brauchen jeden Einzelnen. Die Straßen leeren sich vielleicht und die Hürden steigen, aber genau deshalb ist jeder Kilometer, den wir fahren, umso wertvoller.
Owned Miles








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